Wandkarten: Bildungsmedium und Kulturerbe

Jung-Deutschland in der Schule (Schulstube während des Geographieunterrichts), Gemälde von Carl Hertel, 1874, Nationalgalerie Berlin. Quelle: Wikipedia (https://www.flickr.com/photos/gandalfsgallery/25297539363)

Schulbuch, Schulatlas und Wandkarte: dieser Medienverbund hat Generationen von Schülerinnen und Schülern im Erdkundeunterricht begleitet. Doch während Schulbuch und Schulatlas in der Regel jedem Schüler zur Verfügung standen und auch bei der Arbeit zu Hause genutzt werden konnten, war die Wandkarte dem Klassenraum vorbehalten. Wer schon in jungen Jahren das Berufsziel „Geograph“ im Blick hatte, dem war es eine Pflichtaufgabe, den Kartendienst zu übernehmen. Die Wandkarte aus dem Kartenraum zu holen, die sperrige Rolle über die Flure in die Klasse zu jonglieren, sie am Kartenständer zu befestigen und dann die Welt vor der Klasse aufzurollen: ein Ritual, das einer hoheitlichen Aufgabe gleichkam. Dann hing die Karte für alle sichtbar im Klassenraum als eine Art Menetekel und wurde nach der Unterrichtsstunde wieder vorsichtig zusammengerollt. In den 45 Minuten dazwischen wurde die Karte von vielen Lehrern kaum beachtet und wahrscheinlich nur selten im Unterricht eingesetzt. Aber schon alleine durch die Fernwirkung und ihre ständige Präsenz prägte sie sich ein. Die zentrale Lage Europas auf Weltkarten, die durch Maßstab und Projektion beeinflussten Größenverhältnisse der Länder und Kontinente, die Auswahl der Karteninhalte und die Farbgebung für Landschaftstypen, Höhenstufen, Bodenbedeckung oder auch Staaten: Alle diese Merkmale trugen dazu bei, dass sich in den Köpfen der Heranwachsenden eine Vorstellung von der Welt, ihrem Vaterland oder ihrer Heimat herausbildete. Dabei war es ein grundlegender Unterschied, ob man jahrelang in West oder in Ost den Geographieunterricht erhielt. Dort erstreckte sich Deutschland noch bis in die 1970er-Jahre von der Maas bis an die Memel, hier lag das sozialistische Vaterland zwischen Werra und Neiße.

Heute hat die Wandkarte in der Schulpraxis an Bedeutung verloren. Sie wird kaum noch im Unterricht und noch seltener an den Hochschulen eingesetzt. Seit der Lehrplanreform in den 1970er-Jahren in den alten Bundesländern und den 1990er-Jahren in den neuen Bundesländern spielt die regionale (länderkundliche) Abfolge der Unterrichtsstoffe keine Rolle mehr. Der Frontalunterricht ist mehr und mehr anderen Unterrichtsformen gewichen, Topographie und räumliche Orientierung sind keine vorrangigen Lernziele mehr. Im thematischen Geographieunterricht mit seinen regionalen „Rösselsprüngen“ ist für die Wandkarte kein Platz mehr, moderne Lehrmittel wie interaktive Whiteboards sind an ihre Stelle getreten. An den Universitäten und an immer mehr Schulen werden die Wandkartensammlungen ausgesondert oder zumindest ausgedünnt. Damit endet allmählich eine lange Tradition in der geographischen Bildung.

Die Geschichte der Wandkarte

Die Geschichte der Wandkarte (vgl. zuletzt Brink 2016; Henniges 2017) ist so alt wie die Kartographie selbst. Schon alleine aus Formatgründen konnten die großen Weltbilder des Mittelalters, aber auch die Portolane nur an großen Wandflächen ihre Wirkung erzielen. In der Renaissance fanden sich Wandkarten in den Gelehrtenstuben der Humanisten, und bis in die jüngere Vergangenheit hingen Karten an den Wänden der Kontore von Kaufmanns- und Handelsfirmen, in den Geschäftsräumen weltweit agierender Reedereien und Transportunternehmen. Berühmt ist das Gemälde von Eduard Hildebrandt, das Alexander von Humboldt in seinem Arbeitszimmer 1847 zeigt, im Hintergrund eine Weltkarte an der Wand (Abb. 1).

Abb. 1: Alexander von Humboldt in seinem Arbeitszimmer, Farblithographie nach einem Gemälde von Eduard Hildebrandt 1847, © Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, CC BY-NC-SA (https://id.smb.museum/object/1414547/alexander-von-humboldt-in-seinem-arbeitszimmer)

Über die Anfänge eines schulischen Einsatzes von Wandkarten ist nichts bekannt. Mit dem Erstarken der Geographie an den Schulen und Hochschulen im 19. Jahrhundert wurde auch die Frage geeigneter Lehrmittel virulent. Zahlreiche Verlage drängten auf diesen neuen Markt und spezialisierten sich auf die Produktion von Schul- und Lehrbüchern und vor allem auf Karten und Atlanten. Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts listet Sperling (1986, S. 151–152) alleine 34 Deutschland-Wandkarten auf. Man kann also von weit über hundert Karten ausgehen, die vor 1850 im Unterricht als Wandkarten eingesetzt wurden. Unter den Verlagen finden sich unter anderem Flemming in Glogau, Schropp & Co. in Berlin, das Landes-Industrie-Comptoir in Weimar und Justus Perthes in Gotha, um nur die bekanntesten zu nennen. Die Suche nach diesen ältesten Wandkarten ist aufwändig und häufig erfolglos. In den Sammlungen traditionsreicher Schulen dürfte noch so manche Überraschung schlummern.

Schulwandkarten als methodisches Lehrmittel

Wie so häufig in der Kartographie kamen auch für die Entwicklung der Schulkarten wichtige Impulse aus der Militärgeographie. Der Offizier Emil von Sydow (1812–1873) gilt als der große Erneuerer, der erstmals pädagogische Gestaltungsmerkmale für Schulkarten formulierte und sie deutlich von wissenschaftlichen Karten abhob (Köhler 1992). In seinem „Methodischen Wandatlas“ wandte er diese Prinzipien an, zuerst an der 1838 erschienenen Karte „Asia“ (Brogiato/Sperling 1989, Abb. 2).

Abb. 2: Emil von Sydow: Asia. Gotha: Justus Perthes 1838. Quelle: Brogiato/Sydow 1989, S. 1

Um den „Totalcharakter“ einer Landschaft deutlich zu machen, mussten die Karteninhalte stark reduziert und die Zeichnung „vereinfacht“ (generalisiert) werden. Durch die Anwendung von „Regionalfarben“ (grün für Tiefländer, braun für Gebirge) gelang ihm ein plastischer Reliefeindruck, der weiterentwickelt zur Höhenschichtenkarte führte, für die sich der Begriff „physische“ Karte durchsetzte.

Mit der sukzessiven Einführung des Erdkundeunterrichts an den höheren Schulen etablierten sich Organisationsstrukturen, in denen die Ausgestaltung des Unterrichts diskutiert werden konnten. Auf den pädagogischen Kongressen und den Geographentagen (seit 1881), vor allem aber in den neu gegründeten schulgeographischen Zeitschriften (seit 1879 Zeitschrift für Schul-Geographie, seit 1899 Geographischer Anzeiger) spielte die Lehrmittelfrage über Jahrzehnte eine wesentliche Rolle.

Durch diese Diskussionen um die geeignete Reliefdarstellung, die Farbgebung oder die Wahl der Signaturen entwickelte sich in den deutschsprachigen Ländern eine international führende Wandkartenproduktion, deren bekannteste Vertreter Hermann Haack, Ludwig Gaebler, Heinrich Harms oder Carl Diercke waren. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildeten die drei großen Wandkartenserien, die Haack bei Perthes herausbrachte (Geographischer Wandatlas seit 1907, Historischer Wandatlas seit 1912, Physikalischer Wandatlas seit 1913, Abb. 3) (Köhler 1985). Die letztgenannte Serie umfasste thematische Karten, die sich neben die „Klassiker“ (Physische Karte, Staatenkarte und Geschichtskarte) verstärkt seit den 1920er-Jahren gesellten (Abb. 4).

Abb. 3: Richard Rein: Grund und Boden: Geologie von Mitteleuropa. (Hermann Haack, Physikalischer Wandatlas). Gotha: Justus Perthes um 1920. Quelle: Geographische Zentralbibliothek, Sign. W75
Abb. 4: Alwin Oppel: Wandkarte zur Wirtschaftskunde von Europa. Leipzig: Georg Lang ca. 1910. (Ausschnitt). Quelle: Geographische Zentralbibliothek, Sign. W234

Im harten Konkurrenzmarkt um die Lehrmittel setzten sich – wie bei den Schulatlanten – eine Handvoll Verlage durch, in denen sich die Wandkartenproduktion bis in die jüngere Vergangenheit konzentrierte, allen voran Perthes bzw. nach 1953 VEB Haack, Westermann, List & von Bressensdorf, Velhagen & Klasing und Wenschow.

Diese Entwicklung spiegelt den typischen Professionalisierungsprozess. Er deutete sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts an, als Geographiemethodiker forderten, dass Wandkarte und Schulatlas aufeinander abgestimmt sein, also einen Medienverbund bilden sollten. Heute scheint kein Verlag in Deutschland mehr aktuelle Wandkarten in seinem Angebot zu führen.

Die digitale Sammlung „Wandkarten“ im IfL

Durchforstet man die Kataloge der Bibliotheken im Internet, stellt man schnell fest, dass zwar zahlreiche Wandkarten nachgewiesen werden, aber kaum eine Karte auch durch ein Image präsentiert wird. Um dieses Defizit zu beheben, hat die Geographische Zentralbibliothek ihren gesamten Wandkartenbestand katalogisiert, digitalisiert und frei ins Netz gestellt. Es handelt sich um insgesamt 1165 Karten, die zum Altbestand der Bibliothek gehörten oder in den letzten Jahren aus anderen Sammlungen übernommen wurden. Eine wesentliche Erweiterung bedeutete die Übernahme der Wandkartensammlung des Geographischen Instituts der Universität Bonn. Die Leipziger Sammlung kann als durchaus repräsentativ angesehen werden, sieht man davon ab, dass aus der Frühphase vor 1880 nur wenige Karten vorhanden sind (Abb. 5).

Abb. 5: Heinrich Kiepert: Wandkarte von Deutschland. Berlin: Dietrich Reimer 1864. Quelle: Geographische Zentralbibliothek, Sign. W34

Fast alle bekannten Verlage und Kartenautoren finden sich in der Sammlung. Allerdings erfüllen etwa ein Drittel der Karten nicht die Kriterien methodischer Schulwandkarten. Dabei handelt es sich zum Beispiel um vergrößerte Handkarten und Stadtpläne, oder sie stammen aus Forschungskontexten der Bonner Hochschulgeographie, waren das Ergebnis von Abschlussarbeiten oder dienten den Dozenten als Anschauungsmaterial ihrer wissenschaftlichen Untersuchungen (Abb. 6).

Abb. 6: Die Konfessionsverteilung in der nördlichen Rheinprovinz 1950. (Kartierung zur Arbeit „(Konfessionsverteilung und wirtschaftsgeographische Struktur in der nördlichen Rheinprovinz“, Diss. Bonn 1952). Quelle: Geographische Zentralbibliothek, Sign. W433

Da das IfL auch die Diasammlung des Geographischen Instituts der Universität Bonn übernommen hat, bieten sich durch diese Lehrmittel Ansatzpunkte zu einer Mediengeschichte des geographischen Hochschulunterrichts im 20. Jahrhundert. Mit der Digitalen Sammlung „Wandkarten“ kommt das IfL der Forderung von Werner Stams (1988, S. 69) nach, die „Bilddokumentation der erhaltenen Wandkarten [sei] eine unerläßliche Voraussetzung für vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen, aber auch ein dringliches Anliegen zur Bewahrung dieses für die Volksbildung bedeutsamen Kulturgutes“.


Dr. Heinz Peter Brogiato ist Leiter der Abteilung Geographische Zentralbibliothek/Archiv für Geographie am IfL.

Literatur

Brink, Lowie (2016): Generalization of school wall maps since 1840: From maps on the wall to wall maps. In: Kartographische Nachrichten 66, H. 4, S. 179–185.

Brogiato, Heinz Peter / Sperling, Walter (1989): Betrachtungen zur Wandkarte „Asia“ von Emil von Sydow. 150 Jahre Schulwandkarten bei Justus Perthes. Darmstadt.

Henniges, Norman (2017): The rolled world. German school wall maps and their publishers in the nineteenth and twentieth centuries. In: IMCOS-Journal, no. 151, S. 45–53.

Köhler, Franz (1985): Die Wandatlanten von Hermann Haack und die gesellschaftlichen Einflüsse ihrer Entstehung. In: Fortschritte in der thematischen Kartographie. Gotha, S. 58–69.

Köhler, Franz (1992): Zu den pädagogischen Zügen im Schaffen Emil von Sydows. In: Brogiato, Heinz Peter / Cloß, Hans-Martin (Hrsg.): Geographie und ihre Didaktik. Festschrift für Walter Sperling. Teil 2: Beiträge zur Geschichte, Methodik und Didaktik von Geographie und Kartographie. Trier, S. 189–200.

Sperling, Walter (1986): Wandkarte, Schulwandkarte. In: Brucker, Ambros (Hrsg.): Handbuch Medien im Geographie-Unterricht. Düsseldorf, S. 145–160.

Stams, Werner (1988): Die Entwicklung der Wandkartenproduktion deutschsprachiger Länder bis zum zweiten Weltkrieg. In: Leipzig als kartographisches Zentrum. Leipzig, S. 52–73.

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