Krise! Welche Krise?

Mithilfe von KI generiertes Bild in Anlehnung an das Covermotiv des 1975 veröffentlichten Musikalbums „Crisis! What Crisis?“ der britischen Rockband „Supertramp“.

Seit der letzten Bundestagswahl wächst unter Forschenden die Sorge, dass die sozial-ökologische Transformation in der Politik ins Hintertreffen gerät. Ende März 2025 unterschrieben fast 14.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Erklärung für eine stärkere Klimapolitik. Bei der von „Scientists for Future“ organisierten Übergabe der Petition zeigten sich ausschließlich Abgeordnete der Fraktionen SPD, Grüne und Die Linke interessiert. | mehr. Die Konservativen, die insgesamt wenig Engagement für die Fortführung der Klimapolitik der Vorgängerregierung zeigen, verzichteten auf die Teilnahme.

Ursachen politischer Passivität und deren Auswirkungen

Warum ist das so? Sehen wir das Ergebnis einer falschen Kommunikationsstrategie, die davon ausgeht, dass die sozial-ökologische Transformation den Bürgerinnen und Bürgern nicht zugemutet werden kann? Oder glaubt die Regierung Merz, nur die wirklich großen Krisen bewältigen zu können und stuft die Klimakrise als weniger dringlich ein? Eine weitere Erklärung wäre, dass Merz und die Strippenzieher in der CDU/CSU-Fraktion nicht an den Nutzen intensiverer Klimaschutzmaßnahmen glauben. So hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kürzlich die Emissionsreduktionsziele infrage gestellt – obwohl deren Notwendigkeit verfassungsrechtlich verankert ist und das Bundesverfassungsgericht dies bestätigt hat. Reiches Argument: Klimaschutz sei nur sinnvoll, wenn er sich auch wirtschaftlich rechnet. Das äußerte sie sinngemäß Ende Juni bei einer Versammlung des BDI. Demnach darf aus ihrer Sicht Klimaschutz nichts kosten – eine gefährliche Haltung, wenn der Neoliberalismus die politische Agenda bestimmt und notwendige Maßnahmen für eine lebenswerte Zukunft behindert.

Was sagt die Wissenschaft?

Wir beobachten, dass CDU und CSU weiterhin daran arbeiten, die Fortschritte der Vorgängerregierung zu bremsen und das Tempo der politischen Anpassungen zu verzögern und sich offenbar sogar daran erfreuen. Ende Juni veranstaltete das Leibniz-Forschungsnetzwerk „Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt – Leibniz R“, ein Zusammenschluss von acht Forschungsinstituten in Deutschland, ein Kolloquium, um über Fortschritte und Rückschläge bei der sozialökologischen Transformation in Deutschland zu diskutieren. Die mehr als hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer des zweitägigen Events „Zu viel des Wandels? – Widersprüche und Aufbrüche in der sozialökologischen Transformation” brachten eine deutliche andere Perspektive ein.

Das Raumwissenschaftliche Kolloquium 2025 des Leibniz-R-Netzwerks beschäftigte sich mit den Widersprüchen und Aufbrüchen in der sozialökologischen Transformation (Foto: Felix Müller)

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, erinnerte daran, dass wir uns mitten in einer Entwicklung befinden, die der Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi als „Große Transformation“ bezeichnete. Hochrangige Akteure aus der Industrie, dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und der Zivilgesellschaft haben wichtige Entscheidungen getroffen, um den Wandel aktiv voranzutreiben. Dieser grundlegende Wandel ist im Gang und hat nun offensichtlich seine emotionale Phase erreicht. Eines unserer derzeit größten Probleme besteht laut Messner darin, dass wir den Wandel nicht in seinen emotionalen Dimensionen berücksichtigen. Sein Appell: Wir müssen die positiven Auswirkungen und die damit verbundenen Emotionen vermitteln, statt politische Entscheidungen auf die trügerische Erwartung zu stützen, dass die aktuellen Veränderungen zu belastend für die Gesellschaft seien.

Emotionalität versus Rationalität

Wahrscheinlich beruhen weniger als zehn Prozent unseres Handelns auf rationalen Entscheidungen und gesicherten Befunden. Basierend auf dieser Erkenntnis, die durch die Arbeit des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman untermauert wird, sollten wir auch die faktenbasierte Kommunikationsstrategie hinterfragen, die nach wie vor vorherrscht, wenn Klimaforschende für einen Systemwechsel plädieren. Die überwiegende Mehrheit der Entscheidungen im privaten, geschäftlichen und politischen Leben basiert auf Emotionen, Intuition und Instinkt und baut auf früheren Erfahrungen, tief verwurzelten Praktiken und Verhaltensmustern auf. Diese entstammen jedoch einem veralteten System, das derzeit durch neue Werte und Handlungslogiken ersetzt wird, die primär auf den Schutz eines sicheren und gesunden Planeten abzielen. In dieser Hinsicht vergleicht Messner den aktuellen Wandel mit einer moralischen Revolution, wie sie von Kwame Anthony Appiah beschrieben wird. Um beispielsweise den kolonialen Sklavenhandel oder das Ritual des Duellierens in Großbritannien zu beenden, mussten die Gesellschaften ein Problembewusstsein entwickeln und die Fähigkeiten und Kapazitäten aufbauen, um zu handeln und das System zu verändern.

Multiple Krisen erfordern ganzheitliche Konzepte

Obwohl das Bewusstsein für eine bessere Klimapolitik unter den meisten Beteiligten trotz einer Reihe von Rückschlägen vorhanden ist, sind die Handlungsmöglichkeiten nach wie vor von unterschiedlicher Qualität. Unsere Gesellschaften sehen sich derzeit mit gleich mehreren großen Herausforderungen konfrontiert: Veränderungen in der internationalen Ordnung, eine Krise der Demokratie, grundlegende Veränderungen durch künstliche Intelligenz sowie eine digitale Revolution, die alle Bereiche unseres Lebens und unserer Arbeit beeinflusst. Diese gleichzeitigen Entwicklungen beanspruchen unsere Aufmerksamkeit so sehr, dass der Klimawandel als Problem in den Hintergrund gerückt ist. Darüber hinaus herrscht – auch durch die derzeitige Regierung geschürt – die weit verbreitete Meinung, dass Maßnahmen zur sozial-ökologischen Transformation gravierende Auswirkungen auf den sozioökonomischen Status jedes einzelnen haben. Dies ist aber gar nicht zwangsläufig der Fall und kann politisch gesteuert werden. Außerdem sind die genannten großen Veränderungen miteinander verwoben und stehen in Wechselbeziehung zueinander. Deshalb müssen wir sie zusammen angehen.

Lokale Lösungen für globale Herausforderungen

Die positiven Auswirkungen einer angemessenen Klimapolitik müssen stärker in den Vordergrund gerückt werden. Konsequente Maßnahmen, die auf eine intakte Umwelt und ein besseres Leben für alle abzielen, funktionieren auf lokaler Ebene bereits recht gut. Während des Kolloquiums in Berlin wurden Beispiele aus Bad Nauheim (Donut-Ökonomie), Paris (Klimaplan von Anne Hidalgo) oder Bologna (Treiber der EU-Initiative „100 klimaneutrale Städte“) diskutiert. Anna Lisa Boni, Klimabürgermeisterin von Bologna, berichtete von ihren Erfahrungen mit der Ausrichtung der gesamten Stadt auf das Ziel, bis 2030 emissionsfrei zu werden. Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung, argumentiert, dass wir auf lokaler und sub-regionaler Ebene noch besser sein könnten, wenn Klimapolitik und Emissionsreduktionsziele verbindlich vorgegeben wären. Daher sollte die Regierung die Ausarbeitung von Klimaschutzplänen auf lokaler und subregionaler Ebene mit verbindlichen Maßnahmen unterstützen. Andernfalls laufen wir Gefahr, die nationalen und europäischen Ziele zu verfehlen.

Aufklärung statt Kulturkampf – Multiperspektivität statt Entweder-oder

Durch Gesetze und Rechtsprechung, zahlreiche Initiativen und Programme, engagierte Politikerinnen und Politiker sowie lokale Verwaltungen, begeisterte Pioniere und zivilgesellschaftliches Engagement ist der Wandel unaufhaltsam geworden. Wichtige Systemänderungen wurden eingeführt, wie beispielsweise der CO2-Emissionshandel, der Umbau der Automobilindustrie oder die Energiewende. Dennoch wird das aktuelle Bild von Gegenreaktionen und Rückschritten dominiert. Warum ist das so?

Der Wiener Sozialökonom Andreas Novy hat sich auf die wirtschaftlichen Aspekte der sozialökologischen Transformation spezialisiert. Er fordert eine breitere und offenere, regelbasierte Strategie. Wie alle großen Transformationen ist auch die sozialökologische Transformation ein gewaltiger Bruch. Novy argumentiert, dass wir alte Glaubensmuster und Entscheidungsprozesse verlernen und neue Werte einführen müssen, die den alltäglichen Sorgen der Menschen entsprechen. Die Politik muss für angemessene Regeln sorgen, die die Freiheit aller im Einklang mit den Grenzen unseres Planeten gewährleisten (die derzeitige konservative Politik in Deutschland zielt hingegen nur auf die Freiheit der Stärksten ab). Dazu braucht es eine multiperspektivische, zukunftsorientierte Wirtschaft, die auf transformativem Realismus basiert. Novy fordert mehr Sowohl-als-auch- statt Entweder-oder-Strategien, da Letztere oft zu einem Kulturkampf führen würden: „Wir können Kalbfleisch und veganes Schnitzel im selben Restaurant haben. Wir können unsere Heizungssysteme erneuern und die vorhandenen Heizkörper behalten.“

Wenn wir solche kulturellen Konflikte überwinden, ohne die „Last“ der Transformation zu moralisieren und zu individualisieren, lassen sich die Rahmenbedingungen leichter verändern. Dieser Ansatz ist zudem weniger anfällig für reaktionäre Gegenbewegungen, die oft auf ethno-nationalistischen Ideologien basieren und mit neoliberalen Vorstellungen vermischt sind. Ja, eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Ökonomie ist möglich. Doch wir müssen die Angst überwinden, dass notwendige Veränderungen automatisch individuelle Belastungen und Verlust materiellen Wohlstands bedeuten. Wenn wir die Umwelt schützen und eine Wirtschaft betreiben, die im Einklang mit den natürlichen Grenzen steht, profitieren alle von mehr Wohlstand und einem gesünderen Leben.

Über den Autor

Prof. Dr. Thilo Lang leitet die Abteilung „Regionale Geographie Europas” sowie den Forschungsbereich „Multiple Geographien regionaler und lokaler Entwicklung” am IfL. Darüber hinaus besitzt er eine Honorarprofessur für Wirtschaftsgeographie an der Universität Leipzig. In seiner Forschung widmet er sich unter anderem Fragen der lokalen und regionalen Entwicklung, mit besonderem Schwerpunkt auf sozialräumlicher Polarisierung.

Der ursprünglich auf Englisch verfasste Text wurde von Peter Wittmann ins Deutsche übertragen.
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