Von Lübeck zu den Pangwe, von Berlin zu den Baya und Bafia: Die Kolonialfotografien von Günter Tessmann als visuelle Quellen regionaler Geschichten Kameruns

„Station Nkolentangan, G. Tessmann mit Hanteln“, 1907, Af027-045, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie.„Station Nkolentangan, G. Tessmann mit Hanteln“, 1907. Af027-045, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten.

Im vorliegenden Blogbeitrag wird die Bedeutung Günter Tessmanns kolonialer Fotosammlungen für die heutige, postkoloniale Regionalforschung Kameruns beleuchtet. Im Zentrum steht die Frage, welchen Beitrag historische Fotografien zur gegenwärtigen regionalen Identitätsbildung und zum Verständnis kultureller Vielfalt leisten können. Entstanden im Kontext deutscher Kolonialexpeditionen in Kamerun zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sind Tessmanns Fotografien sowohl Ausdruck kolonialer Wissensproduktionen als auch visuelle Zeugnisse lokaler Identitäten.

Günter Tessmanns Kameruner Kolonialexpeditionen im historischen Kontext

Der deutsche Ethnologe und Afrikaforscher Günter Theodor Tessmann (1884–1969) reiste zwischen 1907 und 1914 durch das damalige Deutsch-Kamerun, wo er zunächst die Pangwe, später die Gbaya und die Bafia besuchte. Seine beiden Expeditionen in Kamerun, die Lübecker Pangwe-Expedition (1907–1909) und die Ssanga-Lobaje-Reichsexpedition (1913–1914), von denen über 500 Aufnahmen und sechs schriftliche, mit Bildern versehene Monografien zu den genannten Völkern entstanden, dienten offiziell dem kolonialen Wissenstransfer und der Dokumentation für das Kaiserreich.

Diese Werke sind in erster Linie textuelle Ethnografien. Die reichhaltigen fotografischen Illustrationen stellen eine ebenso bedeutende Dimension dar, da sie das ethnografische Projekt in den Kontext der Kolonialfotografie einordnen und somit einen wichtigen Beitrag zur visuellen Darstellung dieser Epoche leisten.

Titelblätter aus Günter Tessmanns Schriften: Die Pangwe: völkerkundliche Monographie eines westafrikanischen Negerstammes. Ergebnisse der Lübecker Pangwe-Expedition 1907-1909 und früherer Forschungen 1904-1907, Bd. 1, Berlin: Wasmuth, 1913; Die Baja. Ein Negerstamm im mittleren Sudan. Teil I. Stuttgart: Stecker und Schröder, 1934b; Die Bafia und die Kultur der Mittelkamerun-Bantu. Stuttgart: Stecker und Schröder, 1934a. Die in den historischen Quellen verwendeten Begriffe gelten heute als diskriminierend und spiegeln nicht die Haltung des Leibniz-Instituts für Länderkunde wider.

Tessmanns Schriften und Fotografien können als Ausdruck kolonialer Wissensproduktion verstanden werden. Sie enthält auch anstößige Fotografien, auf denen Menschen wie Forschungsobjekte behandelt wurden, etwa indem ihre Körper oder Körperteile vermessen und typologisiert wurden. Gerade deshalb ist es wichtig, diese Bestände weder zu löschen noch zu verbergen, denn sie umfassen auch Materialien, die für lokale Gemeinschaften von historischem und kulturellem Wert sind. Ich plädiere stattdessen für einen reflektierten Umgang, der den kolonialen Entstehungskontext sichtbar macht und koloniale Klassifizierungen nicht unkritisch fortschreibt.

Ein zentraler Teil der Tessmanns Fotosammlung wird heute im Archiv für Geographie am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig aufbewahrt. Der aktuelle Bestand der Fotografien von Günter Tessmann ist öffentlich zugänglich, jedoch bislang nicht digitalisiert, da es ethische Bedenken gibt, sensible Bilder online zugänglich zu machen, die missbraucht werden oder weiteren Schmerz verursachen könnten.  Die einzelnen Aufnahmen sind nicht erschlossen und es bestehen derzeit keine konkreten Pläne zur Digitalisierung oder Online-Bereitstellung. Forschende sind daher auf eine Reise nach Leipzig oder eine direkte Kontaktaufnahme angewiesen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach möglichen Wegen einer verantwortungsvollen Zugänglichmachung, beispielsweise über kooperative Projekte mit Studierenden, in Zusammenarbeit mit kamerunischen Institutionen wie dem Nationalmuseum oder in Form von kuratierten (digitalen) Ausstellungen. Gleichzeitig sind mögliche Risiken wie Kontextverlust oder Missbrauch sensibler Inhalte zu berücksichtigen. Ein erster Schritt könnte eine selektive Veröffentlichung sein, beispielsweise von Fotografien zu lokalen Kulturpraktiken. Dabei erscheint eine kontextualisierte Präsentation, die lokale Perspektiven einbezieht und koloniale Entstehungszusammenhänge transparent macht, besonders wichtig. Die Überführung der Fotografien von ihrem ursprünglichen Entstehungskontext in ein modernes wissenschaftliches Archiv verweist auf ihr „Nachleben“. Hier können sie von Forschenden neu interpretiert und in aktuelle Forschungszusammenhänge eingebettet werden. Aus kolonialen Dokumenten werden sie so zu dynamischen Quellen, die unterschiedliche Lesarten zulassen und neue Perspektiven auf die Geschichte Kameruner Regionen eröffnen. Als der gebürtige Lübecker Tessmann zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Können und Wissen in den Dienst des Deutschen Kolonialreichs und dessen Institutionen – nämlich des Lübecker Museums und des Reichskolonialamtes in Berlin – stellte, dürfte er kaum geahnt haben, dass seine Arbeit über ein Jahrhundert später eine neue Bedeutung gewinnen würde. Was einst im Kontext kolonialer Wissensproduktion entstand, entwickelt sich heute zu einer wertvollen Ressource für lokale Gemeinschaften in Kamerun, die ihre kulturelle Identität unter den Bedingungen der zunehmenden Globalisierung immer wieder neu aushandeln müssen.

Kolonialfotografien im Spiegel regionaler Identitäten

Günter Tessmanns Fotografien dokumentieren nicht nur Landschaften, sondern auch Menschen sowie soziale und kulturelle Dynamiken der bereisten Regionen. Die Porträts zeichnen sich durch eine große Vielfalt an Formaten und Stilen aus. Sie reichen von anthropometrischen Studien, die den menschlichen Körper zu einem messbaren und vergleichbaren Objekt machen, bis hin zu einer breiten Palette von „Kuriositäten”, exotischen Objekten und kulturellen Stereotypen. Anthropometrische Aufnahmen dienten der Konstruktion angeblicher rassischer Unterschiede – eine Praktik, die mit Anpassungen auch in späteren ethnografischen Fotografien fortgeführt und durch subtilere Formen des Otherings ergänzt wurde. Trotz der unvermeidlichen kolonialen Stereotype zeigen sie die regionale Vielfalt der Völker und ihre Gemeinsamkeiten. So können diese Fotos als Warnung vor kulturellen Abschottungstendenzen im heutigen Kamerun gelesen werden. Sie zeigen, dass regionale Vielfalt kein Hindernis für gemeinsame Identität sein muss.

„Fang aus Nschäbot (F. Essanong) mit Negerzither, Bogengitarre“, 1907, mit historischer Beschriftung. Af027-078, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten. Die historische Beschriftung dieser Fotografie ist ein Zeugnis zur Kolonialgeschichte und spiegelt nicht die Haltung des Leibniz-Instituts für Länderkunde wider.
„Xylophonspieler bei Buar“, 1913, mit historischer Beschriftung.  Af028-064, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten.

Der Bildbestand weist ungenutztes Potential auf. Durch die erneute Betrachtung und Einbindung in einen neuen Kontext könnten die Fotografien neue Einsichten für spezifische Forschungs- und Vermittlungszwecke eröffnen. Vorsichtig formuliert, könnten sie auch eine identitätsstiftende Rolle im Rahmen der regionalen Geschichtsschreibung Kameruns spielen.

Zwischen kolonialen Stereotypen und kultureller Gesamtheit

Günter Tessmanns Kolonialfotografien verweisen auch auf den in diesen Bildern reproduzierten kolonialen Blick, auch „Colonial Gaze” genannt. Die Fotografien beinhalten vielfältige Motive, die koloniale Projekte auf unterschiedliche Art und Weise unterstützten und legitimierten. Einerseits waren diese Motive von europäischen Vorurteilen geprägt, andererseits vermitteln sie einen Eindruck vom Alltag in den jeweiligen Regionen.

„Vorratstöpfe für Mehl auf Topfuntersätzen in einer Bajahütte“, 1913, mit historischer Beschriftung.  Af027-065, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten.
„Oelpalmnüsse und Oelpresse, besonders für Haarölbereitung“, 1907, mit historischer Beschriftung.  Af027-166, Af027-167. Af027-168 und Af027-169, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten.
„Palmweingewinnung auf der Station Bafiahöhe“, 1913, mit historischer Beschriftung. Af027-020, Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie. Alle Rechte vorbehalten.

Tessmanns Fotos zeigen Arbeitsweisen, Handwerke und Alltagsgegenstände, die einen unmittelbaren Bezug zu lokalen Traditionen herstellen. Die Fotografien in ihrer Gesamtheit machen sichtbar, wie lokale Gemeinschaften interagieren, Traditionen bewahren und dennoch Teils eines größeren regionalen Gefüges sind, und zeigen damit, wie diese Gemeinschaften in ihrer Vielfalt und Einheit betrachtet werden können. Mithilfe von Tessmanns Archivmaterial können historische Kontinuitäten nachvollzogen und kulturelle Praktiken verglichen werden, die ohne visuelle Dokumentation vielleicht verloren wären.

Visuelle Quellen für ein globales Publikum

Die Bedeutung von Tessmanns Fotografien reicht weit über Kamerun hinaus. Sie ermöglichen es internationalen Forschenden und Interessierten, die Komplexität der Regionen und Völker Kameruns zu verstehen. Historiker:innen, Anthropolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen können Tessmanns Bestand gleichermaßen nutzen, um die sozialen und kulturellen Strukturen der frühen 1900er Jahre zu erforschen. Das Bildarchiv ergänzt schriftliche Dokumente und mündliche Überlieferungen. Jede Aufnahme erzählt von lokalen Praktiken, die im kolonialen Kontext entstanden sind, heute jedoch zur Reflexion über kulturelle Identität, Kolonialgeschichte und Regionalität anregen können. 

Fazit

Die Fotografien von Günter Tessmann sind mehr als nur koloniale Dokumente. Sie sind ein Schlüssel, um regionale Identitäten in Kamerun sichtbar zu machen und die Geschichte des Landes als Einheit in der Vielfalt zu verstehen. Die Bilder mahnen, dass Identität nicht nur von zentralstaatlichen Narrativen, sondern auch von den vielfältigen kulturellen Erfahrungen vor Ort bestimmt wird. Günter Tessmann hat trotz seiner kolonialen Perspektive einen bleibenden Dienst geleistet. Er schuf einen visuellen Archivbestand, dessen Wert in einer Zeit der Globalisierung, in der lokale Geschichten oft übersehen werden, ungebrochen bleibt und der Generationen von Forschenden, Lehrenden und Gemeinschaften noch heute inspirieren kann. Gleichzeitig bergen Tessmanns Fotografien nicht nur das Potenzial zur Inspiration, sondern auch zur Reproduktion kolonialer Blickregime und zu den einhergehenden Verletzungen. Eine unkommentierte Veröffentlichung kann stereotype Deutungen verstärken und historische Machtverhältnisse unsichtbar machen. Umso wichtiger ist eine sorgfältige Kontextualisierung der Bilder durch begleitende Texte, sensibilisierende Hinweise und mehrstimmige Perspektiven, insbesondere aus Kamerun selbst. Leitlinien für eine verantwortungsvolle Nutzung können dazu beitragen, dass die Fotografien nicht unkritisch reproduziert werden, sondern als Ausgangspunkt für reflektierte regionale Geschichtsschreibungen dienen. So lässt sich ihr Potenzial für Forschung, Bildung und lokale Erinnerungskulturen erschließen, ohne die problematischen Dimensionen der kolonialen Bildproduktion auszublenden.

Über den Autor

Foto: IfL/P. Wittmann

Dr. Romuald Valentin Nkouda Sopgui ist Dozent und Forscher an der Universität Maroua (Kamerun). Er studierte Germanistik, Kulturwissenschaften sowie interkulturelle Kommunikation an der Universität Dschang (Kamerun) und promovierte in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Université d´Aix-Marseille (Frankreich). Er war Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung, Gastwissenschaftler am Institut für Europäische Geschichte Mainz sowie Stipendiat des Fotoarchivs des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig.

Weiterführende Literatur:

Bate, David, 2003. „Fotografie und der koloniale Blick.“ In: Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, 115–132. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Dinslage, Sabine und Templin, Brigitte, Hg. 2012. Günther Tessmann. Mein Leben. Tagebuch in 12 Bänden (Teil 1). Lübeck: Max Schmidt-Römhild.

Dinslage, Sabine, 2015. Günther Tessmann. Mein Leben. Tagebuch in 12 Bänden (Teil 3). Lübeck: Max Schmidt-Römhild.

Guericke, Michael, 2026. Die stillen Sammler. Lokale Akteure während Günter Tessmanns Forschungen in Zentralafrika. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag.

Klockmann, Thomas, 1988. König im weissen Fleck. Das ethnologische Werk im Spiegel der Lebenserinnerungen. Ein biographischer-werkkritischer Versuch. Lübeck: Bernhard-Dräger-Stiftung.

Tessmann, Günter, 1933b. „Die Weltanschauung der Mittelkamerunstämme als Beispiel für monistische Grundeinstellung eines Volkes.“ In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker- u. Staatenkunde. Zeitschrift für das gesamte Eingeborenenwesen 25: 313–320.

Tessmann, Günter, 1934a. Die Bafia und die Kultur der Mittelkamerun-Bantu. Stuttgart: Stecker und Schröder.

Tessmann, Günter, 1934b. Die Baja. Ein Negerstamm im mittleren Sudan. Teil I. Stuttgart: Stecker und Schröder.

Tessmann, Günter, 1934c. „Die Weltanschauung der Baja im Sudan als Beispiel für dualistische Grundeinstellung eines Volkes.“ In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker- u. Staatenkunde. Zeitschrift für das gesamte Eingeborenenwesen 26: 101–111.

Teßmann, Günter, 1919. „Die Urkulturen der Menschheit und ihre Entwicklung. Erläutert an den Stämmen Kameruns.“ In: Zeitschrift für Ethnologie 51: 132–162.

Tessmann, Günther, 1910. „Verlauf und Ergebnisse der Lübecker Pangwe-Expedition.“ In: Globus 97 (1-2): 1–10/25–29.

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