Sprinten kann nicht nur die IT: Einblicke in die Archivarbeit am Leibniz-Institut für Länderkunde

Ein typisches Bild des Archivs: ein Potpourri an Kisten und Formaten, die Archivalien (hier: Fotografien) enthält, die bisher unerschlossen und somit für die Forschung nicht auffindbar sind. Hier zu sehen ist die Sammlung von Georg von Prittwitz und Gaffron, die im ersten Erschließungssprint des Archivs für Geographie fast vollständig umverpackt, digitalisiert und erschlossen wurde (dazu unten mehr). Leibniz-Institut für Länderkunde / Foto: Paula Schnabel.

Dunkle Keller, Staub, vermoderte Akten und Archivare und Archivarinnen, die nie das Licht der Welt erblicken – von diesen Stereotypen gehen viele Menschen aus, wenn sie an die Arbeit im Archiv denken. Dass an diesen Vorurteilen nicht unbedingt etwas dran sein muss und Archive durchaus mit modernen Methoden arbeiten, zeigt das neueste Erschließungsprojekt, dass im Archiv für Geographie durchgeführt wurde: ein „Sprint“.

Was ist ein Sprint?

Ursprünglich kommt das Konzept des Sprints aus dem agilen Projektmanagement und der Informatik. Dabei geht es darum, gemeinsam als Team in einem festgelegten Zeitraum nur an einer einzigen Aufgabe konzentriert und effektiv zu arbeiten, ohne dass Unterbrechungen auftreten. Es ist nicht nur eine teambildende Maßnahme, sondern auch eine Methode, um große Herausforderungen in relativ kurzer Zeit und mit vereinten Kräften zu bewältigen. Dabei sollte das Sprintteam möglichst in einem Raum sitzen und gemeinsam arbeiten, damit auftretende Probleme schnell und effizient gelöst werden können.

Im agilen Projektmanagement gehört das Sprintformat als eine von mehreren „heißen“ Arbeitsphasen zu einem größeren Projekt. Am Ende jedes Sprints findet eine Reflektion statt, woraufhin die Vorgehensweisen für die Zukunft angepasst werden – hier kommt die „Agilität“ ins Spiel. Das Sprintformat im Archivwesen wurde bisher vor allem als Strategie der archivarischen Rückstandsbearbeitung angewandt. Rückstände gehören zum Archivwesen dazu, wie der Staub auf den Akten; Sprintprojekte können als wirksames Hilfsmittel gegen die Akten- oder Bilderflut, die das moderne Archivwesen prägt, eingesetzt werden. Das Format wurde bereits in staatlichen und kommunalen Archiven, die große Mengen an massenhaft gleichförmigem Archivgut wie Personalakten bewahren, erprobt.1

Georg von Prittwitz und Gaffron war Teil der militärischen und politischen Elite in Deutsch-Ostafrika, wie diese Gruppenaufnahme beim Nachmittagskaffee bei Hauptmann von Prince in Iringa belegt. Von links nach rechts: Magdalene von Prince, Stabsarzt Ottwig, Forstassistent von Bruchhausen, Tom von Prince, Gouverneur Eduard von Liebert, Pater Alfons Adam, Leutnant Graf Fugger. Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie, Sammlung Georg von Prittwitz und Gaffron, Nr. Pri0014 / Foto: Georg von Prittwitz und Gaffron.

In unserem Sprintprojekt sollte ausgelotet werden, inwiefern ein Erschließungssprint im Archiv für Geographie realisiert werden kann. Übergeordnetes Ziel des Sprints war zunächst die Digitalisierung und Erschließung unserer Bildsammlungen; hierzu sollte der Sprint als neue Methode zur Bewältigung unserer Rückstände erprobt werden. Wir waren allerdings auch von konkreten Fragen der Prozessgestaltung geleitet: Ist ein Sprint, bei dem es um Schnelligkeit und Effizienz geht, geeignet, um die Sammlungen des Archivs für Geographie zu bearbeiten? Welche Erfahrungswerte – bezüglich der möglichen Arbeitsteilungen, Tricks und Kniffe — nehmen wir bei der weiteren Digitalisierung und Erschließung mit?

Darüber hinaus bot sich der experimentelle Raum eines neuen Formats wie des Sprintprojekts nicht nur als neue Form der Arbeitsorganisation, sondern auch als Möglichkeit zur anschließenden Reflektion an. Die Frage nach der Verbesserung unserer Prozesse der Digitalisierung und Erschließung der historischen Sammlungen spielte dabei eine große Rolle.

Auswahl des Bestandes

Bei der Auswahl des Bestandes standen zunächst archivfachliche und organisatorische Überlegungen im Vordergrund. Es sollte ein kleinerer Bestand an Fotografien sein, die in einem einheitlichen Format vorliegen, um Digitalisierung und Erschließung während der Sprintzeit zu vereinfachen. Aus rechtlichen Gründen und aufgrund der Begrenztheit der Ressourcen können wir längst nicht alles digitalisieren, daher ist die Priorisierung unserer Bestände essentiell. Natürlich spielt das Forschungsprofil des Instituts bei der Priorisierung eine erhebliche Rolle: So wurde die Fotosammlung von Georg von Prittwitz und Gaffron (1861–1936) ausgewählt. Von Prittwitz war ein preußischer Offizier, der von 1897 bis 1910 im Dienst der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika eingesetzt war. Während seines Dienstes betätigte er sich in der Erforschung und Kartierung des Umlandes, insbesondere des Udzungwa-Gebirges im heutigen Tansania. Dabei produzierte er umfangreiche Forschungsunterlagen wie Tage- und Routenbücher, Skizzen und Höhenprofile, die in seinem schriftlichen Nachlass im Archiv für Geographie verwahrt werden. Die Verzahnung von textbasierten und visuellen Praktiken der geographischen Wissensproduktion lassen sich am Nachlass von Georg von Prittwitz und Gaffron besonders gut aufzeigen.

Prittwitz und Gaffron nahm viele Fotografien von Bergen, Tälern und Flüssen wie dem Großen Ruaha auf. Auf dieser Aufnahme wird ebenfalls deutlich, wie Prittwitz sich durch das Gelände in Deutsch-Ostafrika bewegte: Er hatte eine große Zahl von Trägern und militärischen Hilfstruppen (sog. Askaris) dabei. Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie, Sammlung Georg von Prittwitz und Gaffron, Nr. Pri0019 / Foto: Georg von Prittwitz und Gaffron.
Prittwitz und Gaffron dokumentierte das alltägliche Leben in der zur damaligen Zeit von gewaltvollen Konflikten geprägten deutschen Kolonie Ostafrika – zwischen 1890 und 1898 befanden sich die Deutschen im Krieg mit den Wahehe, 1905 löste der Maji-Maji-Aufstand blutige Strafexpeditionen aus. Das Foto zeigt eine Gruppe von Soldaten beim Karten spielen im Lager. Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie, Sammlung Georg von Prittwitz und Gaffron, Nr. Pri0069 / Foto: Georg von Prittwitz und Gaffron.

Nach seiner Rückkehr aus Ostafrika und dem Ende des Ersten Weltkriegs begann Prittwitz ein Studium, das er 1931 mit einer Dissertation mit dem Titel Die Oberflächengestalt der Gebirgslandschaft Utschungwe im östlichen Mittelafrika und ihre Nachbarlandschaften beendete. Die Forschungen, die er während seiner Zeit in Deutsch-Ostafrika betrieb, dienten ihm später zu seiner wissenschaftlichen Profilierung.2 Die umfangreiche Fotosammlung, die er in Afrika anlegte und die einige hundert Stücke umfasste, sollte ebenso – so unsere ursprüngliche Vermutung – als Grundlage für seine späteren kartografischen Arbeiten dienen.

Prittwitz und Gaffron sah sich selbst als Jäger und Sammler. Während seines Dienstes in Deutsch-Ostafrika jagte er Tiere, sammelte Pflanzen, Samen und andere Objekte und nahm dies auch mit seiner Kamera auf. Im Bestand befinden sich Fotografien, die im Zusammenhang mit seinen botanischen, zoologischen, naturkundlichen, aber auch ethnologischen und rassenkundlichen Interessen stehen. Das Foto oben zeigt einen Springhasen, den er in Kilimatinde gefangen haben muss; es ist ungewiss, was anschließend mit dem Hasen passierte. Quelle: Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie, Sammlung Georg von Prittwitz und Gaffron, Nr. Pri0201 / Foto: Georg von Prittwitz und Gaffron.

Ablauf

Ausgestattet mit Verpackungs- und Arbeitsmaterial und der einen oder anderen Packung Gummibärchen als Nervennahrung trafen wir uns also zu Beginn der Sprintwoche in unserer Digitalisierungswerkstatt, die wir zuvor auch als Arbeitsraum eingerichtet hatten. Schnell hat sich dabei ein produktiver Workflow ergeben: Martin Toste digitalisierte die Fotografien und bearbeitete die Digitalisate mit einem Bildbearbeitungsprogramm, Frauke Scholz gab den digitalisierten Fotografien neue Signaturen und verpackte sie, Paula Schnabel erschloss die ersten so bereitgestellten Fotografien. Nachdem ein Vorlauf an Material geschaffen war, konnten wir zu zweit erschließen. In diesem Rhythmus arbeiteten wir die nächsten Tage weiter.

Bibliothekar Martin Toste beim Digitalisieren der ersten Fotografie. Leibniz-Institut für Länderkunde / Foto: Paula Schnabel.

Workflow und Arbeitsteilung ergaben sich relativ schnell, doch die Erschließung erwies sich als durchaus komplex. Das Archiv für Geographie erschließt Fotografien sehr tief. Das bedeutet: wir bilden nicht nur Titel, sondern nehmen auch alle formalen Angaben der Fotografie auf, erzeugen Georeferenzen und verschlagworten die abgebildeten Inhalte; dank diesen Daten werden die Materialien auffindbar. Das macht zuweilen intensive Recherchen, zum Beispiel nach dem Ort der Aufnahme der Fotografie, notwendig. Hier erwies sich das Sprintformat als besonders wirksam: Dadurch, dass wir gemeinsam in einem Raum arbeiteten, konnte wichtiges Wissen schnell und unkompliziert geteilt werden. Wo liegt Kilimatinde? Liegt die ehemalige Militärstation der Deutschen in Tabora innerhalb der Grenzen des heutigen Tabora? Handelt es sich bei dem von Prittwitz und Gaffron benutzten Begriff „Turu“ um ein Gebirge oder eine ethnische Gruppe? Solche und ähnliche Fragen waren für die Erschließung relevant und mussten geklärt werden, um keine Verfälschung von Daten zu erzeugen. Der Spagat zwischen objektiver Beschreibung der vorliegenden Archivalie und dem Einhalten einer Distanz zu den historischen Bildbeschriftungen des Fotografen Prittwitz und Gaffron, die in ihrem zeitgenössischen Kontext gelesen werden müssen, prägte die Titelbildung und führte immer wieder zu fachlichen Debatten.

Archivarin Paula Schnabel beim Verzeichnen einer auf Karton geklebten Fotografie. Leibniz-Institut für Länderkunde / Foto: Frauke Scholz.

Doch nicht nur die historischen „Metadaten“, auch die Bildinhalte beschäftigten uns während des Sprints. Uns begegneten Fotografien, die Menschen auf rassifizierende oder sexistische Weise darstellen. Viele Abbildungen zeigten Kontexte, die von Gewalt und ungleichen Machtverhältnissen geprägt waren. Wie jedes Archiv, das sensible Materialien verwahrt, bewegen auch wir uns im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf vollständige Zugänglichkeit und der Verantwortung, durch die Online-Veröffentlichung verstörender Bilder keine erneuten Verletzungen zuzufügen. Fotos, die menschliche Erniedrigung oder explizite Gewalt darstellen, stellen wir grundsätzlich nicht direkt online, sondern erst auf Anfrage zur Verfügung. In diesen Fällen werden trotzdem Digitalisate und Erschließungsinformationen erzeugt – die Datensätze bleiben im Onlinekatalog auffindbar.

Ergebnisse und Ausblick

Der Erschließungssprint war somit ein erfolgreiches Projekt: Innerhalb einer Woche konnten wir fast einen kompletten Bestand an Fotografien digitalisieren, archivgerecht verpacken und für die Forschung erschließen und zugänglich machen – ein großartiges Gefühl! Am Ende dieser intensiven Arbeitswoche steht ein konkretes Produkt, das sich sehen lässt: 298 Fotografien konnten so digitalisiert, verzeichnet und für die Nutzung erschlossen werden. 

Dabei gab es auch prozessbezogene Erkenntnisse, die wir anschließend in einer Sitzung reflektiert haben. Über die neuen Erfahrungen in der Zusammenarbeit haben wir gelernt, wie wir die Arbeit teilen und unsere archivarischen Workflows aufbauen müssen, damit wir ein Erschließungsprojekt im Team realisieren können.

Das stolze Ergebnis des Erschließungssprints: Zwei bereits etikettierte Archivkartons mit umverpackten Fotografien des Bestandes – ein dritter wird noch befüllt. Die Fotografien nehmen in der neuen Verpackung weitaus weniger Platz ein. Leibniz-Institut für Länderkunde / Foto: Paula Schnabel.

Wir stellten fest, dass der größte Mehrwert des Sprints für uns vor allem in der Zusammenarbeit lag – wir alle verfügen über unterschiedliche berufliche Biografien und fachliche wie geographische Kenntnisse, aber auch verschiedene Stile und Präferenzen für Erschließung. Der Vergleich dieses Wissens in Echtzeit führte zu Effizienzgewinnen, die wir gerne in zukünftigen Projekten wiederholen würden. Gleichzeitig war die Woche des Sprints, in der die Arbeit wie am Fließband erledigt wurde, für alle sehr anstrengend. Auf der anderen Seite erzielte diese enorme Kraftanstrengung tolle Erfolge: Am Donnerstag, dem vierten und vorletzten Tag des Sprints, wurde die höchste Produktivität verzeichnet (80 Titelaufnahmen), was darauf hindeutet, dass der enge Austausch Früchte getragen hat. Bei einem zukünftigen gemeinsamen Digitalisierungs- und Erschließungsprojekt könnten wir uns vorstellen, diese Intensität aufzulockern; vielleicht, indem wir uns nur vormittags zu den gemeinsamen Aktivitäten treffen und die Nachmittage anderen Aufgaben widmen.

Darüber hinaus haben wir einige konkrete Erkenntnisse gewonnen, die wir bei der Vorbereitung ähnlicher Vorhaben in Zukunft berücksichtigen werden: Die Konkordanzliste zwischen alten und neuen Signaturen erwies sich als äußerst nützlich – wir werden zu Beginn künftiger Projekte auf jeden Fall eine solche erstellen. Auch die Bereitstellung einer größeren Anzahl von Referenzkarten zu Beginn würde später Zeit sparen.

Die Arbeit an dem Bestand hat darüber hinaus komplexe Fragen der archivarischen Erschließung und ihrer Bedeutung für die Auffindbarkeit und Zugänglichmachung historischer Bildsammlungen für die Wissenschaft aufgeworfen, die hier (noch) nicht beantwortet werden können. Vielmehr sehen wir den Sprint als Auftakt, um unsere archivarischen Prozesse und Arbeitsschritte intern zu reflektieren, aber ebenso als Teil der geographischen Wissensproduktion transparent zu machen

Herzlich laden wir Sie dazu ein, die Fotografien hier zu erkunden. Unter diesem Link werden sie auch die restlichen Fotografien des Bestandes, die in den kommenden Monaten erschlossen und digitalisiert werden sollen, finden. Wir freuen uns sehr über Ihre Kommentare, Anregungen und Ergänzungen (gerne auch an das Funktionspostfach archiv@leibniz-ifl.de) und wünschen Ihnen viel Spaß beim Stöbern! wenden.

Über die Autorin

Foto: privat

Paula Schnabel ist studierte Historikerin und absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat in der Stabsstelle e-Archiv des Stadtarchivs Leipzig. Seit März 2026 arbeitet sie als Archivarin am Leibniz-Institut für Länderkunde.


1 Vgl. Programm der Tagung „Erfahrungen teilen, Strategien entwickeln: Rückstandsbearbeitung in Archiven“, 18.-19.11.2024 im Stadtarchiv Leipzig, abgerufen am 02.09.2026 unter: https://www.leipzig.de/kultur-und-freizeit/veranstaltungen/eventsingle/event/erfahrungen-teilen-strategien-entwickeln-rueckstandsbearbeitung-in-archiven-archiv-fachlich-fortbildungen-im-stadtarchiv-leipzig.

2 In Prittwitz und Gaffrons Lebenslauf lassen sich Analogien zu vielen anderen akademischen Biografien der Zeit finden; die deutschsprachige Geographie hatte gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein großes Interesse an den Kolonien ausgebildet. Figuren wie Hans Meyer, der 1899 zum Professor der Kolonialgeographie in Leipzig berufen wurde, trieben diese Entwicklung voran. Vgl. zum Beispiel Carsten Gräbel, Die Erforschung der Kolonien. Expeditionen und koloniale Wissenskultur deutscher Geographen, 1884-1919 (Bielefeld 2015).

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